(geb. Pfeiffer)

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Social Media Neusprech – Warum es keinen „Gefällt mir nicht“-Button braucht

Gepostet am 6. Mai 2010 ·

In George Orwells Roman „1984“ heißen die Steigerung von „gut“ plusgut und doppelplusgut, das Gegenteil hingegen ungut bzw. doppelplusungut. Mit dieser neuen, künstlichen Sprache, genannt Neusprech, versuchen die Machthaber, die Bevölkerung in ihrem Sinne zu manipulieren und Widerstand im Wortsinne un-denk-bar zu machen. Dieses an die stalinistischen Säuberungen Mitte des letzten Jahrhunderts erinnernde Beispiel zeigt, wie wichtig Sprache als Grundlage unseres Denkens ist: Worte symbolisieren Begriffe und ihre Bedeutungswelten.

Facebook nennt Kontakte Freunde, obwohl wir mit dem Wort Freund bisher eine ganz andere Vorstellung verbunden haben. Jemanden im Deutschen zu „befrienden“ bedeutet etwas anderes, als sich mit ihm anzufreunden, gleichwohl beide Mal das Wort Freund dabei heraus kommt.

Neue Wörter braucht das Land – aber welche?

Das Mitmach-Web mit seinen sozialen Netzwerken verlangt nach neuen Wörtern und Begriffen, die erst noch ausgehandelt werden müssen. Sascha Lobo hatte das Problem, dass er 5.000 Freunde (aka Kontakte) auf Facebook hatte und sein Profil in eine Fanpage umwandeln musste, um mehr Kontakte zu erlauben. Damit wären aus seinen Freunden auf einen Schlag Fans geworden, was er dadurch aufzulösen versuchte, indem er Fan als Akronym für Friend auf Netzwerk vorschlug…

Mittlerweile kann man auf Facebook nirgendwo mehr Fan werden, sondern nur noch den Gefällt mir-Button drücken. Wird man damit zu einem Gefaller einer Marke?

Der neue Gefällt mir-Button ist ein schwieriger Begriff. Der Button kann auf beliebigen Seiten außerhalb von Facebook eingesetzt werden, um eine Website zu markieren. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Jens Arne Männig weist darauf hin, dass keine Marketingchefin eines Unternehmens einen Gefällt mir nicht-Button auf der eigenen Unternehmenswebsite einbinden würde und Carsten Drees von Basisthinking meint, bei der Aussage „Gefällt mir nicht“ sei nicht klar, ob sich das Missfallen auf den Inhalt eines Artikels beziehe oder auf einen schlechten Schreibstil oder ungenügende Recherche.

„Gefällt mir“ drückt das Falsche aus

Ich hingegen glaube, ein Gefällt mir nicht-Button ist aus anderen Gründen sinnlos und wird sich nicht durchsetzen. Mit dem Klick auf Gefällt mir drücke ich nicht in erster Linie aus, dass mir ein Beitrag inhaltlich oder vom Schreibstil her gefällt, sondern dass ich ihn für bemerkenswert halte. Wenn man anstatt Gefällt mir auf den Buttons schriebe Halte ich für relevant oder Schaut Euch das an wird klar, warum das Gegenteil auf solch einem Button wenig Sinn ergibt. Auf Carta hat das Christian Heller lesenswert als die Ressource Ignoranz umschrieben.

Ich versuche, mich vom Mark Zuckerbergs Neusprech des Gefällt mir zu lösen und benutze den Button jedenfalls als Hinweis an meine Kontakte, dass ich etwas als lesenswert oder bemerkenswert erachte. Und etwas, das man persönlich für langweilig oder irrelevant erachtet, muss man auch nicht extra markieren. Das gilt im Internet (Clay Shirky: „First publish, then filter“) mehr denn je.

10 Kommentare

  1. lustig. genau unter diesem Text fällt genau jetzt der “gefällt mir nicht” button.

    nur eine “gefält mir” option zu haben, verfälscht das bild. dabei ist mir egal, was die marketingchefin einer firmenwebsite macht. aber bei offener kommunikation ist ein “gefällt mir nicht” button für ein kurzes “gefällt mir nicht” sinnvoll. genauso wie das “gefällt mir” total pauschal ist, kann das “gefällt mir nicht” total pauschal sein – warum auch nicht?

  2. Deinen Gedankengang »mit dem Klick auf Gefällt mir drücke ich aus […,] dass ich [einen Beitrag] für bemerkenswert halte«, kann ich nur zu gut nachvollziehen. In der Konsequenz wird dadurch aber nicht nur der Gefällt mir nicht-, sondern auch der Gefällt mir-Button problematisch. Schließlich will ich ja meinen Senf dazugeben, was ich von einem Beitrag halte, ob ihm zustimme oder nicht, oder ob ich ihn schlicht als zum Weiterdenken anregend empfinde. Was mir also bei dem ganzen Gefällt mir-Geklicke fehlt, ist die Möglichkeit, zu kommentieren. Konsequenterweise nutze ich daher den Gefällt mir-Button nicht, ja filtere ihn sogar, weil er für mich keine relevanten Informationen beinhaltet. Beiträge, die ich für besonders interessant halte, lege ich deshalb »in meinen eigenen vier Wänden« unter http://maennig.de/lesetipps/ ab – mit dem entsprechenden kurzen Kommentar. Mit der Notizfunktion des Google Reader, einem entsprechenden Bookmarklet und dem WordPress-Plugin Recommended Reading ist das mit zwei Klicks erledigt. Mag vielleicht wenig social (Neusprech!) sein, ist aber funktionell – und vor allem ohne Facebook-Scheuklappen.

  3. Hallo,
    vielleicht darf ich mich mal kurz einbringen.
    Wir haben uns natürlich schon Gedanken gemacht, als wir uns an die Entwicklung des Buttons gemacht haben.
    Ich kann sicher einige Gedankengänge nachvollziehen, aber warum sollte eine ja, mag ich weniger spannend sein als ein nein, finde ich nicht.
    Es gibt unzählig viele Artikel bei denen man gerne einen DISLIKE Button klicken würde.
    Grüße
    Marco

  4. Hallo,
    ist es nicht so, dass der “dislike”-Button viel leichter mißbraucht werden kann als ein “like”-Button? Wer regelmäßig diese Art der einseitigen Abstimmung nutzt, kann sowieso schnell einschätzen, wie gut oder schlecht ein jeweiliger Beitrag oder ein Produkt ist. Wer sich z.B. mehrere Beiträge eines Blogs ansieht, der erkennt doch schnell, wie gut 3 likes im Kontext der anderen “Konkurrenten” (Blogbeiträge) wirklich sind. Ebenso bei 10 Produkten, die auf einer Seite zu sehen sind… anschaulich bei levi zu sehen http://store.levi.com/

    Grüße
    Reinhardt

  5. Dass es keinen “Gefällt mir nicht”-Button gibt, hat doch einen ganz simplen Grund: Facebook will sich als Marketing-Tool für Unternehmen präsentieren. Und die haben kein Interesse, negative Bewertungen zu erhalten. Also würde sich Facebook mit einem solchen Button selbst ins Knie schießen.

    Eine echte “Abstimm-Möglichkeit” mit positiver und negativer Bewertung würde es bei Facebook höchstens dann geben, wenn diese einzeln vom Seiteninhaber aktiviert, deaktiviert, privat oder öffentlich geschaltet werden könnte.

    Das wäre aber schon wieder so kompliziert, dass Facebook rein Usability-technisch völlig damit überfordert wäre ;-)

  6. Sinniger Gedankengang, aber schade, dass du den Bezug, den du mit Orwell in der Einleitung schaffst, nicht vertiefst. Kommunikativer Determinismus oder die Reduzierung des Bezugssystems auf eine “Äußerung”. Ein gefährlicher Akt, der dringend einmal aufgearbeitet werden muss.
    Erste Ansätze finden sich bei Miriam Meckel http://re-publica.de/10/event-list/this-object-cannot-be-liked/

  7. es gibt nur “lesenswert”
    alles andere fällt halt durch den Rost, bleibt unerwähnt

  8. Ein gefällt mir Button wäre mir als Betreiber einfach zu gefährlich. Schließlich kann man es nicht allen Recht machen. Durch einige “mag ich nicht” Markierungen kann auch gute Beiträge ruinieren.

    Aus der Sicht von Spidern ist es aber eine interessante idee, wenn sich genügend Menschen äußern ob Ihnen ein Beitrag gefällt könnten zukünftige Spider Beiträge bestimmten Menschen empfehlen und anderen sagen, hey das wird dich wahrscheinlich nicht interessieren.

  9. Hallo

    Das Problem ist jedoch die Sprachkonvention, die sich ja kulturell entwickelt hat – bzw. im Sinne der neuen Bedeutung – erst entwickeln muss.

    Insofern drückt der Button für mich, der mit einer bestimmten Bedeutung aufgewachsen ist, eben schon aus, das mir etwas gefällt oder etwa nicht, wobei er ja eigentlich die Funktion “merken” oder “abonnieren” hat.

    Man darf eben nicht vergessen, dass die Mehrheit der Menschen noch nicht zu den Social Media Fans oder Experten oder noch nicht einmal regelmässigen bewussten Nutzern gehört. Insofern kann ich Deinen Ausführungen nicht ganz zustimmen .